Die neue amerikanische Welle

Die neue amerikanische Welle

Modesommer 2015 Fade Farben, durchsichtige Stoffe schaffen nächsten Sommer den Übergang von der Romantik zur sinnlichen Nüchternheit.

Heute wird nicht mehr von Mode gesprochen, sondern von Fashion. Es gibt keine Stöckelschuhe mehr, dafür Highheels. Laufsteg klingt altmodisch. Und die Mode von morgen findet – auch in Paris und Mailand – auf dem Catwalk statt. Eine neue Designergeneration aus den USA mischt dabei wacker mit: Zac Posen, Proenza Schouler, Rick Owens. Alles fremde Namen, die man sich merken muss.

Owens lebt und zeigt seinen Grunge in Paris. Dort ist er auch bereits im schicken Warenhaus Le-Bon-Marché zu haben. Der inzwischen 41-jährige Junge mit dem langen schwarzen Haar zeigte am Sonntag zum Auftakt der Modewoche in Paris romantische Asymmetrien, da und dort aufgeschnitten. Er sieht den nächsten Frühling und Sommer in groben Stiefeletten, jedoch in durchsichtigen Hosen. Warum auch nicht? Schliesslich sucht die hungrige Modepresse, die sich in die verschiedenen Säle drängt nach Neuem, nach Betörendem, nach Emotionen.

An Owens’ stark taillierten Jacken hängen Lederlappen. Raffiniert, verdreht, aufgeschnitten. Seine Farben liegen im allgemeinen Trend für die nächste Saison: hell wie die Haut, schwarz wie die Nacht, fad wie Lehm. Der Designer, den das Pelzlabel Revillon als Art-Director nach Paris geholt hat, stammt aus Los Angeles; abseits des glamourösen Hollywood. Erst schnitt er in einem Fabrikationsbetrieb Tausende von Stoffen zu, bevor er selbst Mode machte. Er verkaufte seine Kleider bereits ziemlich erfolgreich, als er 2002 erstmals in New York auf den Laufsteg stieg.

Dort reden jetzt alle von Zac Posen – dem Partymenschen und seriösen Geschäftsmann. An seine Schauen kommen entweder Paris oder Nicky Hilton. In der ersten Reihe sitzt auch Rapper Sean «P. Diddy» Combs, Posens Geschäftspartner. Der erst 25-Jährige kann auch auf die Unterstützung der amerikanischen «Vogue»-Chefredaktorin Anna Wintour zählen, an der in der internationalen Modebranche kein Weg vorbei führt. Wer in der «Vogue» erscheint, hat eine Chance. Wer nicht, hat einen steinigen Weg vor sich. Posens Stil ist glamourös und verkäuflich. Neben Abendkleidern für Stars und einem Hang zum Kitsch bringt er Schwung in die Kleider. Seine eingenähten BHs in den Minikleidern sind raffiniert, der Trench salopp.

Die Engländer John Galliano, Alexander McQueen und Stella McCartney waren die Generation der 90er-Jahre. Alle drei kämpfen noch immer um ausgeglichene Bilanzen. Nun schwappt eine Welle knapp Dreissigjähriger aus den Vereinigten Staaten her-über, die schon im Business standen, bevor sie sich überhaupt auf den Catwalks etablierten. «Die Amerikaner haben den Vorteil, in einer Kapitalkultur zu leben, und scheuen den Markt nicht», beobachtet Jean-Jacques Picart. Ihm entgeht keine Modeschau. Picart berät die Luxusholding LVMH mit ihren Labels Dior, Céline, Kenzo oder Givenchy. Er hat gegenwärtig eine Schwäche für das New Yorker Duo Proenza Schouler: «Klares Ziel, präziser Stil, beherrschter Schnitt», meint der Mann mit dem neugierigen Blick.

Hinter Proenza Schouler stecken die Mädchennamen der Mütter des Amerikaners kubanischer Abstammung Lazaro Hernandes und des in New Jersey geborenen Jack McCollough. Die heute 26-Jährigen haben sich an der New Yorker Modeschule Parson School of Design kennen gelernt und verkauften spontan die gemeinsame Diplomkollektion. «Vogue»-Chefin Anna Wintour entdeckte die beiden und förderte sie. Sie haben auch Rückendeckung durch einen anonymen deutschen Investor. Ihr Look schwelgt im «soft & chic»: Für nächsten Sommer sehen es die beiden beige und brav im Jerseykleid mit Puffärmeln und Spitzen, eine Art Nachthemd am Tag. Die beiden haben aber auch den Blick für Strukturen und schaffen eine prinzessinnenhafte Weiblichkeit.

Man geht davon aus, dass sich nur gerade ein Prozent aller weltweit ausgebildeten Modedesigner wirklich auf dem Markt behaupten können. Die neuen Labels, die sich in letzter Zeit trotz wenig rosiger Zukunft etablieren konnten, kommen nicht nur aus Übersee. Der Japaner Jun Takahashi etwa mit der Marke Undercover gilt als der neue japanische Meister. Der 36-Jährige zeigte seine Sommerkollektion am Montag in Paris zum Thema T-Shirt: Mal mit dem Halsausschnitt am Saum, mal mit dem Décolleté am Ellbogen. Aus Bändern dreht er ganze Kleider oder steckt federartige Fransen. Sinnlich und mutig. Dieser medienscheue und auch mal zickige Japaner ist in der Heimat längst etabliert, sucht aber seit ein paar Saisons die internationale Resonanz in Paris.

An der Seine laufen auch Viktor & Rolf, ein holländisches Label, das erst seit zehn Jahren besteht. Die ehemaligen Studenten der Modeakademie Arnhem haben jüngst ihre erste Boutique in Mailand eröffnet. Ihren Durchbruch schafften sie durch die Haute Couture – mit «Cremeschnitten»-Krägen und genialen Konzepten. Viktor Hors-ting & Rolf Snoeren haben Einfälle, die gefallen: Nächsten Sommer sind ihre Kleider mehrschichtig und mit Spaghettiträgern und fliessend in den Farbtönen, von Butter über Café bis hin zu Schokolade.

Doch wo bleiben die Franzosen? Seit Jean Paul Gaultier gähnt die Leere. «Solche Talente gibt es nur alle zwanzig Jahre», meint Didier Grumbach, Präsident der Syndikalkammer, die entscheidet, wer in Paris seine Mode zeigen darf. «Uns ist egal, aus welchem Land jemand stammt. Wir wollen kreative, innovative Leute mit dem gewissen Unterschied.» Die Belgierin Véronique Branquinho zählt zu dieser Gruppe. Bei ihr ist nichts aufdringlich, nichts glamourös. Ihre am Mittwoch gezeigte Kollektion war allerdings düs-ter, traurig, aber graziös. Die zierliche, langbeinige Designerin hat ihr Label Schritt um Schritt ohne Fremdkapital aufgebaut. Sie lässt ihre Kleider in Belgien herstellen und beschäftigt heute rund 30 Personen. Mangels französischer Talente tröstet sich Paris als Hafen der Mode aus Europa und Übersee.

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